Sonntag, 3. Juli 2016

Wieder im Zuhause 2.0


Nach einem erfolgreichen Heimaturlaub in der Immobilie sind wir Anfang Juni wieder in Montevideo gelandet. Der Flug nach Deutschland war einigermaßen kommod - Klaus hatte beim Einsteigen die Damen, die gerade beim Schampus-Einschenken für die Business-Class waren, angemacht und schon hatten wir jeder auch ein Glas in der Pfote.  Und dann die nächste freudige Überraschung: wir bekamen die Plätze gleich hinter der Business-Class, was bedeutet: viiiel Platz für die Beine, was vor allem bei einem langen Nachtflug mehr als angenehm ist. Auch für kurzbeinige Leute wie mich.

Weniger schön war der Rückflug: absolute Enge inmitten der Holzklasse und ein Catering, das an Körperverletzung grenzte. Aber wir haben es überlebt, konnten in Uruguay wieder in die mobile Zweitwohnung klettern und zum nächsten Teil der Reise aufbrechen. Die uns recht schnell Richtung Westen und vor allem Norden trieb, denn hier ist es Winter und unten an der Küste stürmte es heftig, war kalt und regnerisch. Weshalb wir uns einen ausführlicheren Aufenthalt in Montevideo geschenkt, nur die nötigsten Vorräte aufgefüllt haben. Aber ein Abstecher nach Colonia musste schon sein, das ist die angeblich romantischste Stadt Südamerikas und da könnte was dran sein - es ist ein wirklich nettes altes Städtchen mit sehr viel Flair. Da auch das Wetter ein wenig freundlicher wurde und die Sonne hervor kam, machte ein Spaziergang viel Spaß.

So richtig viel weiß man gar nicht über Uruguay, ich habe noch ein wenig Literatur aufgetrieben und da erfahren, dass  in Fray Bentos  Justus Liebig seinen Fleischextrakt produziert hat. Wer hätte das gedacht: die Brühwürfel kamen aus Uruguay! Aber klar: jede Menge Rinder, aus denen man - ausgepresst - lecker Suppe machen kann. Jedenfalls, glaubt man der Literatur, wäre die industrielle Revolution nicht so erfolgreich gewesen, hätte es nicht Herrn Liebig gegeben, der die Arbeiter mit seinem Extrakt gekräftigt hat. Übrigens auch im
Krieg die Soldaten mit seinen Produkten verköstigt hat. Jedenfalls waren die Herren seinerzeit richtig innovativ, denn in der Fabrik in Fray Bentos leuchtete die erste Glühbirne des Kontinents,  in Montevideo erst 3 Jahre später. Nun gut, in der Fabrik, die nun Museum ist, war die Beleuchtung leider sehr, sehr spärlich, wohl nicht viel besser als vor 150 Jahren.  Aber interessant war  der Besuch dennoch. Wir waren zwar die einzigen Neugierigen, obwohl am Dienstag, an dem wir da waren, der Eintritt frei ist. Aber Touristen, die es nach Fray Bentos verschlägt, wollen nur über die Brücke nach Argentinien. Und ob die Uruguayer so sehr interessiert sind? Stelle ich mal in Frage...

Aber im Zuge der Geschichte um diese Fabrik habe ich einiges über die jüngere Geschichte gelernt. Da viele der Einwanderer arme Leute waren, die eine neue Perspektive suchten, wählten sie sozial-liberal.  Und das funktionierte lange Zeit, bis in die 50er Jahre des letzen Jahrhunderts. Da brach die Wirtschaft ein, nicht zuletzt wegen geringerem Rinder-Export und weniger Absatz des Liebig'schen Fleischextrakt. Es bekamen die konservativen Großgrundbesitzer eine
Chance und schon gingen die Sozial-Leistungen zurück, es gab jede Menge Repressalien und es entstanden die Tupamaros. Erst eine Guerilla-Organisation, die Robin-Hood-artig agierte, dann aber in den Untergrund abtauchen musste, weil sie heftig verfolgt wurde. Nach etlichen Jahren des Widerstandes gab es eine Revolution und ein Anführer der Tupamaro wurde Präsident des Staates und eine neue sozial-liberale Gesellschaft konnte entstehen. Heute scheint Uruguay ein durchaus stabiles Land zu sein. Auch wenn wir keine tieferen Einblicke haben - es scheint zu funktionieren. Wir trafen einen aus Deutschland eingewanderten Arzt, der uns ein wenig erzählte. So soll auf 1000 Einwohner ein Arzt kommen. Haben wir so eine Quote in Deutschland? Und haben wir preiswerte öffentliche, funktionierende Verkehrsmittel?  Ist schon spannend zu sehen, wie es woanders zugeht.

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